Lasst doch bitte meine Oma in Ruhe

Der Ratschlag: „Deine Oma sollte deine Arbeit verstehen“ ist völliger Quark!

Ganz feinfühlig gefragt: Wer könnte da etwa anderer Meinung sein?1

Genau, niemand, denn direkt offensichtlich ist das, wenn man sich einerseits die Forderung vor Augen führt, dass die lieben Studenten (mit Vorwissen und Übung!), die Paper die sie den lieben langen Tag lesen, mehrmals lesen müssen, um sie zu verstehen. Gut, da könnte man argumentieren, „Na, dann können die Paperautoren das halt auch nicht.“ Zählt aber nicht, denn das passiert eben auch bei richtig gut geschriebenen Papern.

Tja, jetzt haben wir den Schlamassel. Meine arme Oma. Die soll nun ohne Vorwissen meine Bachelor- oder Masterarbeit kapieren. Ich glaube ich melde sie mal für die nächste Konferenz an, denn anscheinend interessiert sie der Kram und alle halten sie für hochbegabt. ;)

Auch wenn der Ratschlag natürlich nicht wörtlich gemeint ist, ist es nicht sinnvoller zu raten: Schreibe für eine angemessene Zielgruppe? Etwa: Allgemein sollte die Bachelorarbeit jeder Bachelorstudent verstehen, der sich die Grundlagen des Fachs und des Themas angeeignet hat und sich die Zeit nimmt, das zu lesen und zu verstehen. Na, schon mal andere Erwartungen, oder?

Insbesondere gilt das für Fächer, die irgendetwas mit Mathe zu tun haben, denn Mathe kann man schon als eine eigene Sprache sehen, jedenfalls hat man eine ziemlich abstrakte aber etablierte Notation (gewissermaßen das Schriftsystem?) und die Inhalte bauen ja auch auf Grundlagen (gewissermaßen dem Grundwortschatz?) auf.

Das ist wie wenn ich sage:

Schreib deine Arbeit auf Englisch und das sollte deine Oma verstehen, die kein Englisch kann. Klappt nicht. Schreib eine mathematische Arbeit so, dass sie jemand versteht der kein Mathe kann. Klappt auch nicht.

Verständnis ist ein Begriff, der sehr viele verschiedene Bedeutungen haben kann. Ein Beispiel: Weil der Bachelorstudent meine Bachelorarbeit (wahrscheinlich) auf eine andere Art und Weise versteht als mein Dozent, darf sie der Dozent auch korrigieren … so ist ja jedenfalls die Idee.

Nun kann man sich darüber unterhalten, ob das grobe Gerüst oder die Idee nachvollziehbar ist. Und wieder: für den Bachelorstudenten eher (Vorwissen, Motivation), als für die Oma. Klar, man kann das reduzieren, bis es inhaltlich leer ist, dann landet man beim Schema: Erst A dann B dann C. Aber: Wen interessiert das und was bringt's? Wie unterscheidet sich dann noch die statistische Arbeit in der Neurolinguistik von der eines quantitativ arbeitenden Populationsbiologen? Signifikant? Okay, vielleicht hat der Neurolinguist mehr bunte Bilder oder der Populationsbiologe schönere Plots?

Weitaus besser beraten wäre man mit dem Ratschlag:

Lass den Leser nicht den Sinn suchen und entschlüsseln, sondern lege den Sinn angemessen dar, inklusive der Herleitung. Was soll das nun bedeuten? Zuerst mal das Wie: schriftlich. Jeder hat gemerkt: Schreiben ist ein Handwerk. Gerne gibt man Ratschläge wie: Schreibe so klar wie möglich, führe neue Begriffe an gegebener Stelle ein und bezeichne sie sorgfältig, d.h. benenne „sprechend“ und folge den Konventionen. Was man sagen kann, kann man auch klar sagen. Gut! Machen! Üben2

Schreiben und Verstehen gehen Hand in Hand und wenn man zielstrebig und systematisch arbeitet, weiß man in der Regel auch, was man wann schreiben will. Seltenere Ratschläge sind: Baue deine Definitionen aufeinander auf, immer mit deinem Ziel vor Augen, das ergibt dann von selbst den roten Faden. Eine Konsequenz davon ist: Die Arbeit ist nur „so lang wie nötig“, weil nichts unnötig „im Weg steht“. Dann landet man vielleicht wo anders als man geplant hatte, aber das ist schon okay. Deshalb bieten sich auch zwei Einleitungen an: Eine vorher, die das grob skizziert (auch als Liste) und eine am Ende, wenn man weiß, was man tatsächlich gemacht hat.

Der ergänzende Ratschlag „so kurz wie möglich“ wird auch immer gerne gegeben, um den Umfang einer Arbeit einzugrenzen und offensichtlich betrifft das auch die Einführung von Grundlagen. Bezogen auf den Schreibstil ist er aber viel angemessener, denn hier hat er zur Folge, dass man Voraussetzungen geradezu annehmen muss, etwa die, dass gewisse Konventionen bekannt sind. Er umfasst aber natürlich nicht, dass veranschaulichende Beispiele auf der Strecke bleiben oder Schlüsselergebnisse nicht mehr zusammen gefasst werden.

Mit diesen Elementen der Leserführung schließt sich dann auch der Kreis, denn sie ist wichtig für die angemessene Darlegung. Ein besserer Ratschlag wäre hier: Nicht der Leser sollte die Arbeit haben, sondern der Autor.

Um das noch mal ganz klar zu sagen: Das hat nix mit irgendeiner fachfremenden Zielgruppe oder Person zu tun, sondern damit, dass man 1) weiß was man verstanden hat und 2) ungefähr weiß, was man schreiben will und 3) zielstrebig und sauber arbeiten und 4) gut schreiben kann.

Sinnvoll ist das „fang bei Null an“ Argument, wenn es darum geht bei Punkt 1) weiter zu kommen. Man sollte das, im Idealfall, seiner Oma erklären können, mit den ganzen Grundlagen usw., aber das gehört halt nicht in die Arbeit.

Weiterhin kann man sich darüber unterhalten, wie ein Vortrag oder eine Executive Summary oder eine Aufgabe wie „Beschreiben Sie ihre Fragestellungen und ihre Ergebnisse in jeweils 3 Sätzen“ zu behandeln ist. Das sollte dann kein Problem sein, wenn obiges passt und man mit den formatgegebenen Verkürzungen und den Anpassungen an die Zielgruppe leben kann.

Deshalb mein Aufruf: Laien sind nicht eure Zielgruppe! Lasst das Umherschmeissen mit irgendeinem unpassenden Verständnisbegriff! Das ist mehr als nervig, denn es ist ein Teil des Problems. Die Güte einer Formulierungen beginnt mit der Wahl guter Begriffe. Kehrt vor der eigenen Tür und lasst doch bitte meine Oma in Ruhe! ;)


  1. Um ehrlich zu sein: Auslöser für diesen Post ist, dass ich 12 Seiten meiner Masterarbeit komplett rausgeschmissen habe, weil sie zu grundlegend sind. Ich hab halt ganz am Anfang angefangen. Was neues hab ich beim Schreiben auch nicht gelernt. Kann man nun als Übung sehen … 

  2. Germanistikstudenten und Lektoren würden den Text hier wohl auch gerne kommentieren und euch merkt man auch meistens an, dass ihr einfach super schreiben könnt und jahrelange Erfahrung habt. Weiterhin gibt es dann noch die Leute, die sich über die (hier fehlende) gerade von irgendwem als angemessen angesehene Genderform beklagen. Na … okay. Gehört.